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Kinematografie - Eine Annäherung

Kinematografie ist eine Wortschöpfung, entstanden aus den altgriechischen Worten "Kinema", das eine Bewegung, Erschütterung, innere Regung bezeichnet, und "Graphe", das Zeichnen, Malen oder Schreiben bedeutet.

Die Kinematografie ist eine Kunstform, die ausschließlich dem Film eigen ist. Sie erfordert eine einzigartige Form von Fotografie mit originären ästhetischen Prinzipien. Technisch gesehen fügt sie dem zweidimensionalen fotografischen Bild eine dritte Dimension hinzu, indem sie ein sich über die Zeit veränderndes Bild aufzeichnen kann und so den zeitlichen Ablauf eines Ereignisses, einer Bewegung abzubilden in der Lage ist.

Der Begriff gründet sich auf Bewegung und dennoch geht Kinematografie weit über das Aufschreiben von Bewegung hinaus. Sie bezeichnet im Ursprung des Wortes nicht die Mechanik des Apparates, sondern das Festhalten einer inneren Bewegung, das Aufschreiben einer Emotion oder eines Gedankens. (Rolf Coulanges) Die tiefere, eigentliche Aufgabe der Kinematografie ist es, durch die Abfolge der Bilder - sei es in einer Plansequenz, innerhalb einer jeden einzelnen Einstellung, sei es durch die Abfolge mehrerer Einstellungen - dem Filmwerk einen Sinn zu verleihen, der die Summe der Einzelbilder transzendiert und der Aussageabsicht des Kinematografen und des Regisseurs entspricht. 1

Kinematografie ist ein Prozess von Kreativität und Interpretation, der in der Miturheberschaft an einem originären Werk mündet, im Gegensatz zur bloßen unreflektierten, unkritischen Abbildung eines äußeren Ereignisses. Die Kinematografie ist keine Unterkategorie der Fotografie, vielmehr ist die Fotografie eine von vielen Kunstfertigkeiten, die der Kinematograf nutzt - zusätzlich zu weiteren physikalischen, organisatorischen, leitenden, interpretativen und bildbeeinflussenden Techniken - um einen stimmigen, zusammenhängenden Prozess zu bewirken, der vordergründig zur Aufzeichnung von bewegten, fotografischen Bildfolgen führt. In einer tieferen Ebene entstehen durch die Kinematografie Sinnzusammenhänge, Gefühle und letztlich durch künstlerischen Ausdruck eine Interpretation der Wirklichkeit. Diesem Zweck haben die vorgenannten technischen und organisatorischen Parameter zu folgen.

Die Kinematografie hat also, über die fotografische Ebene und die zeitliche Komponente hinaus - die gleichermaßen gestaltet sein wollen - eine übergeordnete inhaltliche Ebene. Ereignisfolgen müssen daher hauptsächlich im Hinblick auf die zu übermittelnden Inhalte angemessen aufgenommen und die jeweiligen Aktionen vor der Kamera mit den Kamerabewegungen abgestimmt und choreografiert werden. So müssen grundsätzliche, kinematografische Entscheidungen dazu getroffen werden, ob die Kamera der szenischen Aktion folgt oder sich autonom bewegt, ob sie beschreibt, reagiert oder agiert. Dabei haben die Lichtsetzung, der Aufbau der Szenerie und die Perspektive nicht nur den Erfordernissen der sich bewegenden Objekte, der sich bewegenden Kamera und der sich dadurch verändernden Bildausschnitte Rechnung zu tragen, sondern letzten Endes immer denen der Aussage, die getroffen werden soll.



Johannes Kirchlechner 2013



Quellen: Griechisches Wörterbuch zur Philosophie; ASC; Rolf Coulanges



1 Rolf Coulanges führt hierzu aus: Dies wird in der Plansequenz am deutlichsten; ihre Charakteristik besteht nur mittelbar in der Bewegung auf der Schiene, am Kran oder mit dem Steadicam. Alle Bewegung wird von einem Gefühl für den Raum, die Zeit und die Entwicklung des Gedankens getragen; das Moment, mit dem diese innere Bewegung entsteht, ist die Erfahrung des Raums und die Veränderung der Perspektive durch Verlagerung des eigenen Standpunktes, was durchaus auch wörtlich verstanden werden darf. Die "Kinema", die innere Bewegung, ist aber nicht auf ihre Verwirklichung in der Plansequenz beschränkt. Auch zwischen festen Einstellungen ereignet sich Bewegung, wenn sie zu einer Sequenz zusammengefügt werden, denn Bilder reagieren in ihrer Abfolge aufeinander, wann immer sie einen inneren Zusammenhang miteinander haben.